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Selbstliebe

Text des Videos "Selbstliebe":

 

Viele Patienten kommen mit dem Thema „Selbstliebe“ zu mir. Sie befürchten, dass sie sich selbst zu wenig lieben. Damit wird Selbstliebe zu einem weiteren Defizit auf ihrer Mängelliste, zu etwas, das nicht mit ihnen zu stimmen scheint.

 

„Selbstliebe, wie macht man das? Wie kann ich Selbstliebe lernen?“ Bei genauerer Betrachtung ist den Menschen oft nicht klar, wer da eigentlich wen lieben soll.

 

So wie ich den Begriff verwende, heißt Selbstliebe nicht, dein Selbstbild sympathisch zu finden oder viele gute Eigenschaften von dir aufzählen zu können. (Daran ist natürlich auch nichts verkehrt, nur bleibt diese Art der Selbstliebe eher oberflächlich; sie bezieht sich auf Erinnerungen und Beschreibungen von dir, die positiv bewertet werden. Damit bezieht sie sich auf Gedanken über dich, nicht auf dich selbst. Sie ist nur eine Meinung.)

 

Viele Menschen erleben das Gegenstück dazu: Sie haben sehr negative Meinungen über sich, sehr selbstkritische Gedanken, mit denen sie sich selbst verurteilen, beschimpfen und klein machen, wenn sie ihren Vorstellungen nicht entsprechen, und fühlen dann Scham oder Wut auf sich selbst. Wie kommt das? Woher kommt „Selbsthass“, woher die misstrauische Distanz zu uns selbst, die Selbstliebe zu verhindern scheint?

 

Diese Zweifel, abwertenden Gedanken und kritischen Stimmen, auch wenn sie noch so destruktiv klingen, sind ursprünglich Ausdruck von Selbstliebe: Sie wollen dich beschützen; sie wollen, dass es dich gut geht. Nur gründen sie auf Vorstellungen, was du erreichen oder ablegen müsstest, damit es dir gut geht – zum Beispiel damit du geliebt wirst. „Wenn du anders wärst, würde es dir besser gehen und die Menschen würden dich lieben.“

 

Schimpfen und Vorwürfe sind ihr Versuch, dich zu einer Verhaltensänderung nach ihrer Vorstellung zu bewegen, so wie es vielleicht auch die Strategie deiner Eltern oder Lehrer war. Du hast das gelernt und verinnerlicht. Und wenn du das Wohlwollen und die Liebe darin erkennen und fühlen kannst („Wir meinen es doch nur gut!“), dann kannst du das Denken von dieser alten Strategie befreien und ihm ein Update schenken, eine Form von Selbstliebe und wohlwollender Aufmerksamkeit, die viel zeitgemäßer ist, die wirklich zu dir passt und einfach besser funktioniert.

 

Denn Selbstliebe ist einfach die wohlwollende Aufmerksamkeit für dein eigenes Erleben, so wie es gerade ist. Das unvoreingenommene Interesse daran, was du jetzt gerade erlebst. Die bedingungslose Erlaubnis, genau das zu erleben.


Statt Gedanken, die bestimmte Eigenschaften von dir hervorheben, kannst du dem Aufmerksamkeit schenken, wie und was du jetzt in diesem Moment bist. Als was erlebst du dich jetzt? Was ist dieses „Selbst“, um das es bei Selbstliebe geht, was wird da geliebt und von wem?

 

Da ist das, was du gerade erlebst, all diese Bewusstseinsinhalte: Gegenstände, Formen, Konturen, Farben, Klänge, Bewegungen, die Luft, die Schwerkraft, Gedanken, Gefühle ... Und da ist das Erleben selbst, der/die/das, was erlebt.


Da ist dieser lebendige Organismus, dessen Augen die Welt (die Umgebung) sehen, die Ohren, die jetzt gerade diese Klänge und Geräusche hören ... All das taucht im Bewusstsein auf. Oder anders gesagt: All das IST das Bewusstsein, manifestiert als Erleben.

 

Nichts ist getrennt von dem Bewusstsein, in dem es sich abspielt; nichts ist getrennt von dir.

 

(Bewusstsein ist nur eine von vielen Möglichkeiten der Beschreibung; vielleicht erscheint dir ein anderes Wort passender: Du könntest es „Offenheit“ nennen oder „Empfänglichkeit“ oder „Raum für Erleben“ oder „Präsenz“ oder „Wachheit“ ... Kein Begriff ist ein Ersatz für das, was du bist und für das, was du erlebst.)

Bewusstsein ist nicht gebunden an die Erscheinungen und nicht getrennt von ihnen. Es ist das Erleben dieses ständigen Energieflusses, dieser Fülle von Sinneseindrücken, diesem unendlichen Meer von Informationen. Du bist der Schauplatz dieses unglaublich reichen Zusammenspiels von Energie, von Information.

Da ist das lebendige Erleben der Lebendigkeit. Wenn sich die Aufmerksamkeit dieser wachen Lebendigkeit zuwendet und sich als wache Lebendigkeit erlebt, dann wird sie durchflutet von Liebe. Da ist einfach Liebe für das Leben selbst, für die Tatsache, dass du lebst und erlebst.

Dein Körper ist pure Lebendigkeit. Du bist kein Besitzer des Körpers, sondern diese Lebendigkeit selbst, und du liebst Lebendigkeit. Du liebst dich, weil Liebe dein Wesen ist. Nichts von dir ist leblos, nichts getrennt vom Leben, du bist vollständig eins mit ihm.

Du liebst es zu lieben, und es gibt keinen Grund, dir das vorzuenthalten.


Diese Liebe ist nicht an bestimmte Erscheinungen gebunden, sie stellt keine Bedingungen. Sie ist die liebevolle Aufmerksamkeit für dein Erleben. Sie befreit dich und dein Erleben von der Last, irgendwelche Vorgaben erfüllen zu müssen.


Bedingungen erwecken den Anschein, als wäre dieser Moment nicht gut genug, um dich voll und ganz auf ihn einzulassen und ihn wirklich zu genießen – oder als wärst du noch nicht bereit, für diesen Moment voll da zu sein, für deine eigene Lebendigkeit, für dieses Erleben jetzt ... als wäre das nur Vorbereitung, bis der Moment gut genug ist oder bis du gut genug bist, dich voll einzulassen ... als würdest du noch woanders rumspuken, noch mit einem anderen Zeitpunkt oder Thema beschäftigt sein, nicht ganz da ...

Du kennst aber auch das Erleben, wenn du ganz im Moment aufgehst, wenn du ganz hingegeben bist an die Lebendigkeit des Augenblicks, im Fluss, in Resonanz mit allem, was da ist. Vielleicht, wenn du verliebt bist, wenn du in der Natur bist, wenn du tanzt, wenn du ein Baby im Arm hältst ... Wie frei und wach du dich fühlst, wenn du als Ganzes erlebst, wie kostbar der Moment sich zeigt, was für ein Genuss!

 

Wann immer nichts anderes wichtiger erscheint, wann immer keine Bedingungen erfüllt werden sollen – wann immer du es dir erlaubst, dem Moment volle Aufmerksamkeit zu schenken, wird der Moment als Geschenk erlebt.

Aufmerksamkeit ist das größte Geschenk, das du machen kannst. In liebevoller Zuwendung blüht alles auf. Wenn du jemanden liebst, dann schenkst du ihm Aufmerksamkeit. „Ich liebe sie, ich beachte sie nur nicht.“ – das passt nicht zusammen. Achten ist Beachten.


Selbstliebe ist die liebevolle Aufmerksamkeit für dein Erleben, so wie es jetzt gerade ist. Aufmerksamkeit dafür, wie und wo deine Aufmerksamkeit gerade ist. Wenn du sie dir vorenthältst, wirst du dich gespalten, unvollständig und ignoriert fühlen (und das wahrscheinlich auf deine Mitmenschen projizieren, deren Zuwendung dann um so wichtiger erscheint). Wenn du sie dir erlaubst, fühlst du dich präsent, wach, ganz, voller Liebe.

 

Alles in dir – das Denken, das Fühlen, das Tun, der Körper – kann sich auf diese Liebe ausrichten und neu justieren, wenn du ihm liebevolle Aufmerksamkeit schenkst. Alles kann sich auf diese Liebe ausrichten wie Eisenspäne auf einen Magneten. Der Magnet ist das einfache Verständnis: „Ja, das fühle ich gerade; ja, das erlebe ich gerade ...“. Die Erlaubnis für dein Erleben ist die Erlaubnis, du zu sein. Die Liebe zur Lebendigkeit des Erlebens ist die Selbstliebe, die wir vermisst haben.


Das Leben liebt es lebendig zu sein als du, manifestiert als dieser Körper. Du bist das Leben, das jetzt gerade diese Form annimmt. Lebendigkeit liebt es, zu lieben.

Wenn du liebst, dass du erlebst, dann erlebst du Liebe.

 

Danke für deine Aufmerksamkeit!

Selbstliebe Meditation
Hier kannst du eine ruhigere Audio-Version anhören und gratis als mp3 herunterladen.